Rasender Stillstand
lautet der Titel eines Buches des Philosophen Paul Virilio. Vor fast 20 Jahren war ich einmal so fasziniert von einem Interview mit diesem Paul Virilio, dass ich mir das Buch zugelegt habe - nur um festzustellen, dass ich der Lektüre intellektuell nicht gewachsen war (soviel zu meinen philosophischen Fähigkeiten).
Vor 2 Wochen nun hat unsere Firma 10-jähriges Firmenjubiläum gefeiert und ich habe in den letzten Wochen des öfteren diese 10 Jahre Revue passieren lassen und versucht in irgendeiner Weise ein Resümee zu ziehen - dabei ist mir der rasende Stillstand eingefallen (auch wenn das vielleicht nicht für jedermann nachvollziehbar ist).
Kurzum, was mir irgendwie bemerkenswert erscheint ist das Paradoxe, dass die technische Entwicklung sich immer weiter zu beschleunigen scheint, gleichzeitig aber viele Dinge nach wie vor unendlich lange brauchen. Ich möchte das an ein paar Beispielen erläutern
Zu Beginn unserer kleinen Firmenkarriere war ich auf einem Nokia Workshop zum Thema WAP. 'Mobile' schien damals 'the next big thing' zu sein. Heute wissen wir, dass WAP 'dead on arrival' war - und es sollte bis Ende 2007 dauern (über diesen Zeitpunkt lässt sich trefflich streiten, aber ich glaube da liege ich ziemlich richtig), dass die mobile Nutzung der Datennetze im Mainstream ankam. Gleichzeitig denke ich, dass es erstaunlich ist, wie viel von der Leistung, die ein damaliger Schreibtisch Computer besaß heute in einem iPhone zu finden ist - man denke nur daran wie wackelig Videos (und ich rede nicht von Streaming Videos) sich auf den Computer von 1999 anfühlte
Auch ist es unglaublich wie wichtig das Web in dieser Dekade geworden ist, wie sehr es das Alltagsleben so vieler Menschen wenn nicht bestimmt, so doch zumindest berührt. Aber wir Entwickler schlagen uns immer noch mit sehr ähnlichen Problemen bei der Entwicklung desselben herum - man denke nur an Browser Inkompatibilitäten (IE6?) etc.
Gerade erleben wir den zweiten Zusammenbruch der 'New Economy' und man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Probleme ziemlich ähnlichen denen vor knapp 10 Jahren sind: Es geht vielen der Web 2.0 Größen immer noch vorrangig um Reichweite und wenige haben ein wirklich nachvollziehbares Geschäftsmodell gefunden. Auch auf praktikables Micropayment warten wir immer noch vergeblich - und ich glaube das Warten wird nie enden
Spam ist ein riesiges und mit unglaublicher Geschwindigkeit gewachsenes Problem aber potentielle Lösungen, die das Problem an der Wurzel packen sind auch nach 10 Jahren nicht wirklich in Sicht. Zwar wird wahrscheinlich mit Windows 7 in 4-5 Jahren den Mainstream bestimmen, welches wohl endgültig das hirntote Sicherheitsmodell der ersten Windowsversionen beerdigt - aber warum hat das so lange gedauert? Ein besseres Modell haben die Väter aller *NIX Systeme schon im IT-Pleistozän erdacht.
Ein bisschen ernüchtert bin ich nach 10 Jahren woerd und fast 15 Jahre nach dem Erstellen meiner ersten Website schon. Andererseits habe ich auch täglich Spass daran ein Teil des IT Ökosystems zu sein, dass neben vielem Überflüssigen auch ganz viele wundervolle und Nützliche Dinge hervorbringt. Und als überzeugter Verwender von Open Source Werkzeugen kann ich nur immer wieder staunen wie gut diese geworden sind, ja dass man wohl sagen kann, dass es sich bei vielen um die besten im Markt handelt - auch wenn wir wohl auf den Durchbruch von Linux auf dem Desktop noch bis zum letzten Tag warten müssen./p>
Angst, dass mein Wissen und meine Fähigkeiten in Bälde nicht mehr nachgefragt werden könnten habe ich jedenfalls nicht.
Posted at 11:02AM Jan 23, 2009 by joerg in Allgemein |